LMS, PLE, SLE?

Ich habe mich in der letzten Woche intensiver wegen meiner Dissertation und eines Kurses mit dem Thema Personal Learning Environments und Learning Management Systeme beschäftigt. Wenn man sich beide Systeme anschaut scheint es als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. Ist das aber so?

Eigentlich ja. Hier werden anscheinend Äpfel mit Birnen verglichen. Ein Personal Learning Environment ist – wie der Name schon ausdrückt – die persönliche Lernumgebung eines Lernenden. Ein Learning Management System ist ein System zur Verwaltung, Organisation von Lehre und Lernen. Dieses bietet viele Zusatzfunktionen an, wie Foren, mittlerweile auch Blogs und Wikis, ist aber immer organisationsgebunden. LMS sind geschlossene lehrzentrierte und von der Institution gelenkte Systeme und PLEs sind eher ein Konzept hinsichtlich des Lernens im Web 2.0.

Gerade habe ich einen interessanten Blog-Beitrag von Matt Crosslin “Re-Thinking Everything And The Realization of PLEs” gelesen in dem er eine iPhone Moment für Personal Learning Enviroments fordert. Er findet zwar die Idee und das Konzept von PLEs gut sagt aber, dass es bislang keine guten Lösungen zu Realisierung dieser gäbe. Ich denke, er meint eine gute institutionelle Realisierung. Aber ist es eigentlich notwendig? Ich habe in Gesprächen mit Studierenden häufig gehört, dass sie nicht gerne ihre privaten Informationen mit den Informationen der Hochschule vermischen. Natürlich haben sie unter ihren Kommilitonen Freunde, aber nicht alle ihre Kommilitonen sind auch ihre Freunde. Sie haben gerne ihre eigene persönliche Lernumgebung, bestehenden aus unterschiedlichen Funktions- und Informationsdiensten, wie Wiki, Facebook, Google, diverse Weblogs, Dropbox und mehr. Es ist also naheliegender Learning Management Systeme so zu erweitern, dass sie zu Social Learning Environments werden – eine Art Schnittstellen zwischen LMS und PLE.

Jonathan Mott nennt ein solches System eine Open Learning Network und sieht es als eine Brücke zwischen dem institutionellen Learning Management System und den diversen Personal Learning Environments der Studierenden und Lehrenden. Ein OLN soll aber nicht dafür eingesetzt werden, um die Koexistenz von LMS und PLE zu gewährleisten, sondern um die Vorteile beider Systeme zu vereinen und somit ein neues institutionelles aber offenes System zu schaffen.

Folgende Stärken und Schwächen von PLEs und LMS dienten als Grundlage zur Formulierung der Eigenschaften von Open Learning Networks. Diese wurden mittels eine Umfrage in Twitter und auf dem Blog von Jonahan Mott ermittelt:

Stärken des LMS

  • Einfach, strukturiert und konsistent
  • Meistens Integration mit Hochschulinformationssystemen
  • Privat und sicher
  • Einfach in der Nutzung und demnach Kostengünstig in der Schulung (Sehe ich anders!)
  • Guten Funktionen zur Inhaltsverwaltung

Schwächen des LMS

  • Sichtbarkeit von Kursen und demnach von Kursinhalte nur innerhalb eines bestimmten Semesters
  • Lehrerzentriert
  • Kursstruktur nutzt nicht die Möglichkeiten der Vernetzung
  • Studierende habe wenig Möglichkeiten eigene Inhalte im LMS zu verwalten
  • Bislang sind die im LMS angebotenen Tools nicht modular
  • Mangel an Interoperabilität mit anderen Systemen

Stärken von PLE

  • Vielfalt an Tools
  • Möglichkeit das System an eigenen Anforderungen anzupassen
  • Keine Systemgrenzen. Tools können auch nach dem Studium verwendet werden
  • Kommunikation und Kommunikation mit anderen innerhalb aber auch außerhalb von Lehrveranstaltungen möglich
  • Studierendenzentriert
  • Verwendung von Austauschformaten

Schwächen von PLEs

  • Unerfahrene User haben eher Schwierigkeiten ein PLE richtig einzusetzen
  • Diverse Sicherheitsprobleme hinsichtlich der Inhalte und persömlicher Daten
  • Hochschule hat wenig Kontrolle über die Daten und Dienste im PLE
  • Gleichzeitig können für die verschiedenen Tools kein entsprechender Support angeboten werden
  • Keine eindeutigen Groupenzugehörigkeiten
  • Bislang keine Integration zu anderen hochschulischen Systemen

Mittels einer Open Learning Network Architektur sollen nun die Stärken von LMS und PLE zusammengefasst werden. Studierende können dadurch weiterhin ihre eigenen Personal Learning Environments nutzen haben aber auch die Möglichkeit, mittels der eigenen Dienste, wie Facebook, eigene Weblogs, Twitter und andere, Inhalte in das Universitäts-Netzwerk einzuspeisen. Das Open Learning Network beruht dafür auf einer Service Orientierten Architektur (SOA), welche die einfache und geregelte Kommunikation mit externen Diensten ermöglichen soll sowie die Einbindung von Inhalten durch die Verwendung von Standardaustauschformaten wie RSS.

Matt Crosslin skizziert in einem Blogbeitrag “Social Learning Enviroment Manifesto” wie so ein System funktionieren könnten. Er verwendet zur Bezeichnung des Systems den Begriff “Social Learning Environment” (SLE). In einem solchen SLE können sich Studierende mit ihrer zentralen Benutzerkennung anmelden und bei Bedarf all die externe Dienste eingeben, die sie sonst für ihr Lernen oder das Kommunizieren mit anderen verwenden. Lehrende richten einen digitalen Klassenraum ein und vergeben dafür einen eindeutigen Tag, beispielsweise “engl1301sp01”. Das SLE aggregiert dann aus allen ihm bekannten und von den Studierenden angegebenen Quellen die Informationen heraus, die mit diesem Tag versehen wurden und stellt sie in dem dafür angelegten Kursraum dar. Das heißt, die Studierenden können in ihren eigenen ausgewählten Diensten ihres PLEs Informationen für das SLE eingeben mit einem Tag versehen und speichern.
Social Learning Environment by Matt Crosslin

Social Learning Environment by Matt Crosslin

Eigentlich ist das eine sehr einfache und bereits realisierbare Form eines Systems. Es gibt aber meines Erachtens ein paar Schwierigkeiten. Ich konnte in den letzten Jahren beobachten, dass Studierende ungern Tags eingeben oder ihre Post zu bestehenden Kategorien einfügen, obwohl es eigentlich in WordPress recht leicht ist. In den meisten Fällen wird das vergessen. Auch dann, wenn die/der Lehrende mehrmals darauf hinweist. Aber auch wenn sie Tags eingeben würden, müssten sie es in so einem System auch konsequent machen, d.h. sie müssten den Tag in allen ihren Diensten eingeben. Bei so einem kryptischen Tag, wie oben angegeben, ist die Gefahr des Vertippens enorm groß. Gleichzeitig ist der Aufwand seitens des SLE-Systems nicht unerheblich. Es muss ein Dienst vorhanden sein, der maximal alle 5 Minuten in allen angegebenen externen Diensten der Studierenden nach neuen Inhalten sucht und diese entsprechend sortiert und den Kursen zuordnet.

Ich frage mich, ob es überhaupt notwendig ist, alle Kommunikations-, und Informationsdienste der Studierenden in das SLE einzubinden? Es kann schon interessant sein, innerhalb eines Kurses die aktuellsten Blogbeiträge oder Tweets der Studierenden zu sehen, aber sollte der gesamte Kurs aus zerstückelten Informationen unterschiedlicher Dienste bestehen? Kann dadurch Kommunikation und Austausch überhaupt stattfinden? Was ist mit Studierenden und Lehrenden, die keinen Facebook-Acccount haben, aber auf Informationen, die aus Facebook kommen, reagieren möchten? Unabhängig davon, dass Facebook bislang ein recht unstrukturiertes RSS-Feed erzeugt, mit dem so eine Auswahl von Informationen erst gar nicht möglich wäre. Ich denke, man läuft mit dieser Variante Gefahr, das ein Kurs lediglich als Datensammlung verwendet wird und nicht als Kommunikationsplattform und dann wären wir wieder bei einem LMS 🙂 Der einzige Unterschied wäre, dass die Inhalte nicht nur von den Lehrenden kommen, sondern auch von den Lernenden.

In den eigenen Portfolios der Studierenden oder zur Darstellung der Profilseiten ist eine solche Lösung interessant. Studierende könnten ihre Portfolios und Profile mit ausgewählten Informationen ihrer Dienste befüllen und sich so innerhalb der Lehr-, Lerncommunity darstellen. Sie hätten dann auch die unmittelbare Kontrolle über die Darstellung der aggregierten Inhalte und könnten entscheiden wie und wo diese dargestellt werden. Für einen Kurs könnte das eher problematisch sein. Interessant für einen Kurs wäre die Bereitstellung von externen, kursrelevanten Informationen, die allen Teilnehmern zugänglich gemacht werden sollen.

Kerres formuliert die Eigenschaften eines SLE im Vergleich zu einem herkömmlichen Learning Management Environment wie folgt (siehe Kerrers  2011, S. 19):

Learning Management Systeme (LMS)

  • Fokus liegt auf den Inhalten
  • Dient zur Distribution von Inhalten
  • Ermöglicht das Testen, Evaluieren und Benoten von Lernaktivitäten
  • Ist ein in sich geschlossenes System (Walled Garden)

Social Learning Environment (SLE)

  • Fokus liegt auf der Nutzeraktivität
  • Dient der Vernetzung von Menschen in Communities
  • Ermöglicht die Kommunikation und Kollaboration
  • Ist Permeabel

Kerres plädiert für eine intelligente und kluge Verknüpfung von Informationen und Diensten in einem SLE und sieht die Herausforderungen in den Bereichen der Auswahl geeigneter Tools und Informationen, in der Gestaltung von Privatheit und Öffentlichkeit sowie der Definition und Bildung von Gruppennetzwerken innerhalb des SLE.

In Vorlesungen beispielsweise wird wohl der Lehrende innerhalb der Lernumgebung die Inhalte vorstrukturieren, auswählen und einbinden. Die Studierenden werden diese dann abonnieren und in ihrem eigenen individuellen Personal Learning Environment darstellen. Sie können aber auch  – falls sie sich trauen – die vom Lehrenden eingestellten Informationen kommentieren oder ergänzen. Im Seminar kommen die Informationen anfangs vom Lehrenden werden aber im Laufe des Seminars bestenfalls durch Informationen, welche die Lernenden erstellen, ergänzt. Diese von den Lernenden erstellten Informationen können durchaus im eigenen externen Blog entstehen und in das SLE mittels Feeds eingebunden werden. In Projekten können während der Planungs- oder Einstiegsphase externe Inhalte zur Orientierung dienen und den Ablauf des eigenen Projektes beeinflussen. Zudem entstehen die Inhalte während der gemeinsamen Arbeit an der Problemlösung. Der Lehrende ergänzt oder kommentiert diese. In jeder einzelnen Lehrveranstaltung werden die Eigenschaften des Systems anders genutzt. Manchmal findet mehr Austausch statt, manchmal steht lediglich die Bereitstellung von Inhalten seitens des Lehrenden im Vordergrund. In machen Fällen müssen Aktivitäten, wie Prüfungen, eher privat ablaufen, manchmal können Inhalte von Studierenden auch für externe Besucher der Lernplattform zugänglich gemacht werden, beispielsweise ausgewählte Projektergebnisse, Essays und weiteres.

Die Verwendung der Lernumgebung ist von der Lehrveranstaltung und jeweils stattfindenden Lehr- Lernprozessen abhängig. Nicht immer steht reger sozialer Austausch und Communitiy-Bildung im Vordergrund (siehe auch Kerres et al 2011, S. 16 ). Oftmals sind organisatorische/administrative Aspekte wichtig, beispielsweise die Zuordnung von Aufgaben, Bekanntmachung von verbindlichen Termine oder die Darstellung von formalen Informationen. In der Entwicklung von Social Learning Environments sollten  die positiven Funktionen von Learning Management Systemen nicht vergessen werden, sondern mit eingebunden werden. Ein SLE sollte ein Nachfolger oder Partner eines LMS sein und nicht ein Konkurrent oder Ersatz.

Kerres, M.; Hölterhof, T.; Nattland, A. (2011): „Zur didaktischen Konzeption von„ Sozialen Lernplattformen“ für das Lernen in Gemeinschaften“. In: MedienPädagogik. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung.